Samstag, 27. Juni 2026

Drei oder sechs?

Heute, am Abend eines extrem heissen Tages, bin ich im Keller rumgeschlichen auf der Suche nach einem passenden Weißwein. Mein Blick fiel zufällig auf sechs bislang unangetastete Flaschen 2018er Hallgartener Hendelberg von Peter Jakob Kühn. Der passt insofern zum heutigen Tag, als er aus einem heissen Jahr stammt. Obwohl ich eigentlich kein großer Fan der 2018er Rieslinge bin, habe ich den Wein (zu meiner eigenen Überraschung) ausgewählt. Als ich ihn später aus meiner Bestandsliste (einer einfachen Excel-Tabelle übrigens) austragen wollte stutzte ich - dort war nur ein Bestand von 3 Flaschen vermerkt. Ich habe dann ein wenig recherchiert, konnte aber nicht klären, wo die drei zusätzlichen Flaschen herkamen. Es ist aber nicht so schlimm, dass wir sie haben...

 


 

2018 Peter Jakob Kühn Hallgartener Hendlberg Riesling

Mittelgelb 
Kräftiger Duft nach Kräutern, gelben Früchten und etwas Apfel, dezente Mineralik 
Am Gaumen dominieren intensive kräutrige Aromen. Eher kühle Stilistik, gut abgestimmte Säure, sehr nachhaltig und lang. Ein sehr stimmiger, präziser und animierender Riesling auf GG-Niveau. Blind hätte ich den nie in 2018 verortet. 

91-93, jetzt in bester Verfassung, bis 2030+ 

 

Es gibt übrigens auch eine mir "R" bezeichnete Luxusversion dieses Weines. Davon haben wir tatsächlich nur drei Flaschen 

Mittwoch, 10. Juni 2026

Auf dem Karthäuserhof

Ich habe gerade eine wunderbare 2023er Spätlese vom Karthäuserhof im Glas . Die haben wir gekauft, nachdem wir im März auf dem Gut zu Besuch waren und einen großartigen Tag samt ausführlicher Weinbergswanderung (mit kleiner "Unterwegsverkostung") und einer anschliessenden grösseren Verkostung verbracht haben. Die dabei entstandenen Notizen kann ich jetzt, mit dem passenden Wein im Glas, endlich mal aufarbeiten. 

Nachdem die Produktion mittlerweile in einen nahegelegenen Neubau (den wir ebenfalls besichtigen durften) umgezogen ist, wird derzeit das historische Anwesen von Grund auf renoviert. Ich denke es ist keine Übetreibung zu prognostizieren, dass das eines der schönsten Weingüter in Deutschland wird. 

 


Der "Bruno"-Wohnturm wurde bereits aufwendig restauriert-  

 

Die "Wanderprobe"

Los ging es mit Sekt, dem Karthäuserhof brut: Gelbfruchtig sowohl im Duft als auch am Gaumen, schöne Reife, feine Perlage (88). Der Bruno Riesling trocken 2023 ist rauchig mit gelber Frucht, sehr typisch und mit etwas rustikaler Säure (86). Der Bruno Rosé 2025 duftet recht kräftig nach roten und gelben Früchten, am Gaumen gefällig, eher rotfruchtig und mit leichtem Zuckerschwanz (84-85).  


Die Weine der "Hauptprobe"

Der 2023er Riesling Schieferkristall gefällt mir ausgesprochen gut. Im Duft schiefermineralisch mit gelber Frucht, am Gaumen feinfruchtig, sehr ausgewogen, das macht Spaß (88). Da kommt der Schieferkristall 2022 nicht ganz mit, reife Gelbfrucht im Duft und am Gaumen, aber es geht ihm etwas die Lebendigkeit des 2023ers ab (86). Daher also zurück zu 2023 mit dem Riesling Alte Reben. Der hat etwas Holz gesehen, was man ihm auch anmerkt. Sehr schöner, kräftiger, gelbfruchtiger Duft, daneben etwas Vanille(?) vom Holzausbau, stoffig mit Substanz und wieder gelber Frucht, lebhafte Säure. Schöner Wein, aber ich weiß nicht, ob er mit mehr Spaß macht als der Schieferkristall (88).  Das Große Gewächs aus 2023 setzt da nochmal ordentlich etwas drauf: Sehr schöner, kräftiger und wieder gelbfruchtiger Duft, viel Substanz, dezente Holznote (kommt mir zurückhaltender vor als bei den Alten Reben), frisch und sehr nachhaltig (92). Dann, als letzter trockener Wein eine echte Rarität: Die Riesling Auslese trocken "S" aus 1997. Im Duft einereits eine leichte Firne, andererseits noch ausgeprägte Frucht (Aprikose und Pfirsisch), am Gaumen dann schwarzer Tee, reife Frucht, Kräuternoten und eine noch sehr lebendige Säure, lang. Ein ganz faszinierender Wein (94). 

Zum Abschluß gab es dann einige restsüße Weine. der 2022er Riesling Kabinett hat zwar eine schöne, eher "grüne" Frucht, wirkt aber auf mich etwas spannungsarm (84). Das kann man von der 2023er Spätlese beim besten Willen nicht behaupten. Schöner und intensiver Duft, viel gelbe Frucht, aber auch Stachelbeere. Sehr schön, sehr präzise, sehr frisch. Tolle Spätlese (91). Zum Abschluß dann die 2004er Riesling Auslese "55". Das hätte ein wirklich großer Wein sein können, wenn da nicht ein leichter Muffton gewesen wäre, der leider auch nach längerer Zeit im Glas nicht verschwand. Daneben sehr schöne, fein ausdifferenzierte Frucht, am Gaumen eher schlanker Bau, sehr fein. Ohne den Muffton wäre ich vielleicht im Bereich 94-95 gelandet, den Wein mit Muffton mag ich nicht bewerten. Sehr schade. 



Mittwoch, 3. Juni 2026

Zwei tolle Saint-Emilions

Inspiriert von einer sehr positiven Beschreibung des 2019er Chateau Tour Saint Christophe haben wir auch mal eine von unseren Flaschen geöffnet. Und wo wir schonmal bei Saint-Emilion 2019 waren, haben wir kurz darauf auch den Beau-Sejour Becot probiert. Was soll ich sagen - zwei ganz hervorragende Weine 

 


2019 Chateau Tour Saint Christophe

Dunkles Rot ohne Reifenoten
Intensiver Duft nach herb wirkender Frucht, vor allem Kirsche, Himbeere, mit mehr Luft auch etwas Lakritz
Gaumenfüllend mit wiederum viel herber Frucht mit viel Kirsche, leichte Röstaromen, dabei schöne Frische und viel Tannin hoher Qualität, lang
Sehr schöner Saint Emilion am Beginn der Trinkreife

92-94, bis 2040+


2019 Chateau Beau-Séjour Bécot 

Mittleres bis dunkles Rot ohne Reifenoten
Im Duft zunächst deutlich zurückhaltender, rote Frucht (Himbeere, Johannisbeere, Holunder), noch etwas vom Holzausbau geprägt, würzig. Mit mehr Luft wird der Duft intensiver, auch kirschiger und würziger, und es kommt eine dezente minzige Note hinzu, die dem Wein eine kühle Stilistik gibt
Auch am Gaumen noch kompakt und verschlossen wirkend, dezent Veilchen, ganz leichte Röstaromatik, perfektes, seidenweiches Tannin, spürbare Säure, lang, großes Potential.
Trinkt sich zwar schon hervorragend, könnte aber in den nächsten Jahren sogar noch etwas zulegen,

94-96, 2030-2045+ 


Fazit: Der Tour Saint Christophe ist mit seiner intensiven Frucht jetzt wunderbar zu trinken. Der Beausejour Becot ist weniger weit entwickelt, hat aber großes Potential und besticht durch perfekte Tannin-Qualität. Er dürfte letztlich der bessere von zwei hervorragenden Weinen sein.