Dienstag, 1. April 2025

Schnäppchenalarm?

Ende Februar bewarb Silkes Weinkeller ein Überraschungspaket, das für 47,90 Euro sechs Flaschen enthielt, deren Warenwert laut Werbung sonst über 115 Euro liege. Angesichts von 60% Rabatt haben sich offenbar wichtige Teile meines Hirns abgeschaltet und ich habe ein Paket bestellt. Vielleicht aus einer Motivation heraus wie: Wenn ich mir aus dem Sortiment sechs Weine mit Listenpreis 115 Euro aussuchen und die dann für 47,90 kaufen kann, wäre das ein ziemlich guter Deal. Da wäre vielleicht sogar der größte Dealmaker aller Zeiten ein bisschen neidisch geworden. Der Denkfehler dabei ist natürlich, dass nicht ich die Weine aussuche. And here we go...



2019 Pendio Antico Primitivo die Manduria Riserva 

Dunkles Rot mit erster Reife
Duftet recht intensiv nach Pflaume, frisch gemahlenem Kaffee, hat aber auch eine portige Note, die die Erwartung von Süße weckt
Am Gaumen druckvoll mit deutlich spürbarem Alkohol; die 15% machen sich deutlich bemerkbar. Wirkt etwas strukturlos. Würzig, pflaumige Frucht, leicht salzig, im Finale dann auch spürbares und etwas trocknendes Tannin
Es gibt sicher Leute die das mögen, aber mich stören die labbrige Struktur und der alkoholische Eindruck. Mehr als ein Glas kann ich davon nicht trinken. 

82-84, eher bald tinken


Ohne Jahrgang Tre Zone Vini Rossi d'Italia (eine Cuvée aus Primitivo aus Apulien, Nero d'Avola aus Kalabrien und Syrah aus Sizilien)

Dunkles, noch eher jugendlich wirkendes Rot
Im Duft zunächst eher verhalten, mit Luft intensiver mit viel eher roter Frucht (Himbeeren)
Am Gaumen dann ebenfalls sehr fruchtbetont, deutlicher Süßeeindruck, reifes, "weiches" Tannin, mittellanger und wieder rotfruchtiger Abgang.
Eine etwas vordergündige und gefällige Fruchtbombe. Der ebenfalls recht hohe Alkohol (14,5%) ist hier deutlich besser verpackt als bei dem Primitivo. Das ist kein Wein, den ich mag oder im Keller haben wollte, aber auf seine Art ist er gut gemacht und wird seine Liebhaber finden. 

85-87, in den nächsten zwei bis drei Jahren trinken

 

2021 Poggetto di Toscana

Dunkles Rot
Im Duft fruchtbetont, rote Frucht mit (wirklich!) leichter Zitruskomponente, etwas parfumiert wirkend
Am Gaumen etwas strukturlos daherkommend, wieder ausgeprägte Frucht mit leichter Zitrusnote, im ordentlichen Abgang leicht trocknendes Tannin.
Wird nach dem ersten Glas etwas anstrengend

84-86, eher jung trinken


2022 Ruppertsberger Weinkeller Hoheburg Riesling

Helles bis mittleres Gelb
Verhaltener Duft nach Zitrusfrüchten
Auch am Gaumen zitrusfruchtig, sauberer, einfacher Riesling 

83-85, in den nächsten ein bis zwei Jahren trinken

 

2023 Cantina Tollo Tanica No. Uno Cerasuolo Rosato

Lachsfarben
Etwas dropsiger Duft nach roten Früchten mit floralen Noten
Am Gaumen undifferenziert mit etwas diffuser roter Frucht, kurz

76-79, bald trinken


2018 Bodegas Olarra Caballero del Rey Rioja Gran Reserva 

Sehr dunkles Rot mit leichten Reifenoten
Im Duft dunkle Frucht, die von (für gereiften Rioja typischen) balsamischen Noten etwa überlagert wird
Am Gaumen an Pflaume erinnernde Frucht, wieder dezent balsamische Noten und eine etherische Note, die dem Wein eine gewisse Frische verleiht. Im Finale eine an Suppenkräuter erinnernde Note, leicht salzig 

87-89, bis 2030

Sonntag, 23. März 2025

Rechts oder links?

Das ist in diesem Fall keine politische, sondern eine geographische Frage. In Bordeaux liegen links der Gironde das Medoc sowie Graves (insbesondere Pessac-Leognan), wo die Hauptrebsorte Cabernet Sauvignon ist. Rechts der Gironde liegen (unter anderem) Saint Emilion und Pomerol, wo Merlot die dominante Rebsorte ist.  Oft fallen die Jahrgänge ähnlich aus - an beiden Ufern eher gut oder eher mäßig. In manchen Jahren aber begünstigt das Wetter entweder das rechte Ufer mit der früher reifenden Merlot oder das linke Ufer mit den später reifenden Cabernet-Trauben. 1996 etwa war am linken Ufer ein sehr guter, am rechten Ufer dagegen ein eher mäßiger Jahrgang. 1998 war es genau umgekehrt. Der Jahrgang fiel am rechten Ufer ganz hervorragend aus (guckstu zum Beispiel hier), war dagegen am linken Ufer eher durchwachsen. Das war auch dem 1998er Leoville Barton anzumerken. 



1998 Chateau Leoville Barton

Mittleres bis dunkles Rot mit nur ganz leichten Reifenoten
Unmittelbar nach dem Öffnen ganz klassischer und eher maskuliner Duft nach Cassis, Zedernholz und etwas Leder. Nach einigen Stunden in der Karaffe wird der Duft dunkelfruchtig mit Heidelbeeren und Cassis
Am Gaumen zunächst kernig mit durchaus noch präsentem Tannin und spürbarer Säure, dunkelfruchtig, Cassis, etwas Teer. Mit mehr Luft wird der Wein etwas ruhiger und die anfänglich spürbare Rustikalität schwindet.
Klassischer Saint Julien, dem der schwächere Jahrgang aber anzumerken ist. 

89-91, dürfte noch einige Jahre in Form bleiben

Samstag, 15. März 2025

Hoch hinaus

Im Weingut Keller gibt es schon sehr lange den "Weissburgunder & Chardonnay", den wir schätzen (guckstu hier) und regelmäßig kaufen. Seit 2019 (wohl auch bedingt durch das grosse Interesse von Felix Keller für Burgundersorten) gibt es zudem die Cuvée "Alte Reben Reserve". Das ist ebenfalls eine Cuvée aus Chardonnay und Weissburgunder, aber qualitativ höher angesiedelt. Wie hoch, das wusste ich bislang nicht, denn den Wein habe ich heute zum ersten Mal im Glas gehabt.


2019 Keller Alte Reben Reserve 

Recht helles Gelb mit leichtem Grünschimmer
Sehr feiner Duft mit Noten heller Früchte (Birne, mit mehr Luft gelbe Steinfrüchte) und etwas Haselnuß
Am Gaumen sehr elegant, hervorragend integrierte Säure, perfekt eingebundenes Holz, wiederum Noten heller Früchte. Klingt lange nach.
Ein ganz feiner Wein, den ich blind vielleicht in Chablis verortet hätte (und dort mindestens auf Premier Cru-Niveau). Braucht in Deutschland keinen Vergleich zu scheuen.

92-94, locker bis 2030

Donnerstag, 13. März 2025

Der Geburtstagsriesling

Ich trinke zu meinem Geburtstag gerne guten Riesling. Heute habe allerdings nicht ich Geburtstag, sondern der Riesling selbst. Der wurde nämlich vor 590 Jahren, am 13. März 1435 in Rüsselsheim erstmals urkundlich erwähnt. Damit ich das auch ja nicht vergesse, hat mir ungefähr ein halbes Dutzend Händler Mailings mit reduzierten Geburtstagsangeboten geschickt. Die habe ich allerdings umgehend gelöscht und mich lieber im eigenen Keller bedient. Meine Wahl viel auf die 2017er Hermannshöhle von Dönnhoff. Den Wein hatte ich jung ganz grossartig gefunden (guckstu hier) und ich fand, es sei Zeit für eine Wiedervorlage.



2017 Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Riesling GG 

Sattes Gelb
Gleich nach dem Öffnen intensiver Duft nach Zitrusfrucht, ergänzt um eine kräutrige Komponente
Am Gaumen noch kompakt wirkend, aber dennoch auch hier viel Zitrusfrucht; enorme Tiefe und Mineralik, die auch den sehr langen Abgang prägt, hervorragend integrierte Säure
Großer Riesling, der noch nicht im optimalen Trinkfenster angekommen ist. In die Riesling Hall of Fame wurde er ja schon 2019 aufgenommen.

95-97, eher noch zwei bis drei Jahre liegen lassen und dann sicher bis 2035+

Sonntag, 9. März 2025

Ja ist denn heut noch Weihnachten?

Ende November gab es das Angebot, ein Weihnachtspaket mit den unten abgebildeten 6 Flaschen für 135 Euro zu kaufen. Das war ein echter Weihnachtspreis, denn allein die drei deutschen Weine haben zusammen einen Listenpreis von etwa 115 Euro. Von unseren zwei Paketen haben wir eines in der Adventszeit konsumiert, das zweite aber erst in den letzten Tagen. Es hat auch ohne vorweihachtliche Stimmung gut gefallen.


 

2017 Battenfeld-Spanier Blanc de Noirs Extra Brut (reiner Pinot Noir mit 6 Jahren Hefelager)

Mittelgelb
Im Duft etwas Brotkruste, eher zurückhaltende gelbe und rote Frucht
Am Gaumen recht kräftige Perlage, rote Früchte, auch Zitrus, zupackend und betont trocken
Schöner Sekt 

88-90


2021 Wasserer Hof Chardonnay Riserva "Ryed"

Mittelgelb
Nach etwas Belüftung recht ausgeprägter nussiger und vegetabiler Duft, etwas Zitrus. Die Zitruskomponente wird nach zwei Tagen in der geöffneten Flasche deutlicher
Körperreich, deutliche Holzprägung, nachhaltig und mit schöner, gut integrierter Säure, im recht langen Abgang macht sich dann wieder Zitrusfrucht bemerkbar
Guter Chardonnay, der noch zulegen kann, wenn sich das Holz noch etwas einbindet 

88-90+, bis 2030+


2022 Balthasar Ress Hattenheimer Nussbrunnen Riesling GG 

Mittelgelb
Ausgeprägter Duft nach Zitrusfrüchten und einer kräutrigen Komponente
Auch am Gaumen intensive und herbe Zitrusfrucht (Grapefruit?), wieder auch kräutrig, betont trocken, mineralisch, langer und wieder zitrusfruchtiger Nachhall
Sehr guter Riesling mit Potential

91-93, noch ein bis zwei Jahre warten, bis 2032+ 


2022 Piombaia Rosso di Montalcino 

Mittleres, jugendliches Rot
Im Duft ausgeprägte Frucht, Kirsche
Auch am Gaumen ausgeprägt kirschfruchtig, frisch, lebhafte Säure, saftig, im Abgang recht präsentes und leicht trochnendes Tannin
Sauberer Wein für alle Tage

86-88, jung trinken 


2020 Paolo Manzone Barolo Ottogemme 

Recht helles Rot, am Rand mit Orangeschimmer
Im Duft viel dunkle Frucht, Kirsche, florale Noten (Rosenblätter?), ein Hauch Schokolade
Am Gaumen kraftvoll, lebendige Säure und kräftiges Tannin, die Frucht ist noch nicht richtig entfaltet
Sehr schön und mit Potential, ist zwar schon gut antrinkbar, sollte aber besser noch ein paar Jahre im Keller bleiben. 

91-93+, 2027-2035+ 


2021 St. Antony Niersteiner Paterberg Spätburunder GG 

Helles Rot
Recht ausgeprägter Duft nach roten Früchten und etwas Milchschokolade. Daneben eine etherische Note
Auch am Gaumen rote Frucht, Kirsche, wiederum eine schokoladige Note. Lebhafte Säure und feines Tannin, etwas mentholische Frische im Nachhall
Man sollte sich von der hellen Farbe nicht täuschen lassen - das ist ein schöner Spätburgunder mit Substanz und weiterem Entwicklungspotential 

89-91, bis 2030

Dienstag, 4. März 2025

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Mit schöner Regelmäßigkeit ist das Weingut Julian Haart das erste, das mir (im Februar) das Angebot des neuen Jahrgangs schickt. Natürlich werden die Weine erst später gefüllt und erst im Spätsommer oder Herbst geliefert, aber aussuchen und reservieren muss man im Winter. Was würde zu dieser Tätigkeit besser passen als ein Wein eben dieses Weinguts?



2021 Julian Haart Piesporter Riesling 

Recht helles Gelb
Fokussierter Duft von mittlerer Intensität mit Zitrusnoten, Limettenabrieb und Noten von gelben Früchten, ein Hauch Sahne(?) 
Am Gaumen herb-saftig mit zitrusfruchtiger Prägung, einem Hauch Süße, bestens integrierter Säure und recht langem, wieder herb-saftigen Finale
Sehr schöner trockener Mosel-Riesling und für einen nominellen Ortswein stark

90-92, jetzt sehr schön zu trinken, aber Potential für sicher 3-5 Jahre

Samstag, 1. März 2025

Der Süßwein der Woche (12)

Eine wirklich wilde Mischung habe ich mir das über die letzten Wochen zusammengestellt. Den Beginn machte eine große Auslese von J.J. Prüm.

 


2017 J.J. Prüm Graacher Himmelreich Riesling Auslese

Mittleres Gelb, noch ein klein wenig Kohlensäure im Glas
Intensiver und animierender Duft nach gelben und auch exotischen Früchten (Maracuja!), etwas Rauch
Am Gaumen grandios: fest gebaut mit perfekter Süße-Säure-Balance, wieder ausgeprägter, teils exotischer Frucht und großer Intensität, hallt mindestens eine Minute nach.
Extrem präziser Wein mit einer Säure wie ein Laserschwert. Großes Riesling-Kino und ein Fall für die Riesling Hall of Fame 

95-97, bis 2040+ 


Der nächste Wein war ein "Beifang" in einem ersteigerten Rieslingpaket. Nicht schlecht, aber gegen das Himmelreich verblaßt er dann doch.

2011 Karl Pfaffmann Walsheimer Silberberg Riesling Auslese 

Bernsteinfarben
Duftet nach teils getrockneten gelben Früchten, auch etwas Klebstoff
Am Gaumen sehr süß, die recht reichlich vorhandene Säure sorgt dafür, dass das nicht pappig wirkt, dezent gelbfruchtig, mittellanges und durchaus saftiges Finale mit (am zweiten Tag) ganz leichter Bitternote

87-89, bis 2030+


Dann zur Abwechslung mal wieder Sauternes, diesmal Chateau Rieussec aus 1999 und vielleicht keine optimale Flasche Von drei (gleichzeitig gekauften und identisch gelagerten) Flaschen war dies die mit dem erkennbar dunkelsten Inhalt. 



1999 Chateau Rieussec 

Bernsteinfarben
Im Duft kraftvoll, auch etwas alkoholisch, Karamell, Datteln, Trockenfrüchte
Wirkt am Gaumen leicht brandig, viskose Textur, sehr süß, recht ausgeprägte Frucht (teils getrocknete Aprikose)
Der (zu sehr) spürbare Alkohol trübt hier den Gesamteindruck recht deutlich.

86-88, bis 2040+ 

 

Weiter ging es nach Rheinhessen. Wenn "Keller" auf der Flasche steht, geht man da mit hohen Erwartungen ran. Und der Wein hat geliefert.

 


2013 Keller Westhofener Morstein Riesling Auslese 

Goldgelb
Im Duft viel gelbe Frucht, Vanille und Backgewürze
Am Gaumen ein Korb (teils exotischer) Früchte mit fulminantem Spiel zwischen ausgeprägter Süße und rassiger Säure.
Tolle Auslese 

93-95, bis 2040+


Zum Schluß dann ein echter Exot, ein Rosenmuskateller aus Südtirol. Rosenmuskateller ist eine rote Rebsorte, die weltweit auf nicht viel mehr als 50 Hektar angebaut wird. Wer mehr darüber wissen möchte, gucke gerne hier. Die Kellerei Bozen baut daraus einen Süßwein aus, der aus getrockneten Trauben hergestellt wird. 



2022 Kellerei Bozen Rosenmuskateller "Rosis"

Mittleres Rot
Recht intensiver Duft nasch dunklen Früchten mit deutlich floraler Prägung. Der Duft lässt nicht unbedingt einen Süßwein erwarten.
Am Gaumen intensive florale Aromatik, auch etwas exotische Frucht, sehr ausgeprägte (aber nicht pappig wirkende) Süße. Körperreich; der (reichlich vorhandene - 15%) Alkohol ist gut verpackt und dadurch unaufdringlich. Recht langes Finale.
Spannender Wein. 

89-91, bis 2040+